“Wir definieren nicht, wer geflüchtet ist und wer nicht”

Claudia Wrobel interviewt Stef Sturmbaum für die junge Welt

Liegenschaftsfonds des Landes Berlin will Wagenplatz kündigen, wenn dort Flüchtlinge aufgenommen werden. Gespräch mit Stef Sturmbaum – er ist Teil des Wohn- und Kulturprojekts »Wagenburg Schwarzer Kanal e.V.«

Der Liegenschaftsfonds Berlin, der die landeseigenen Grundstücke und Gebäude verwaltet, stellt in den Vertragsverhandlungen mit der »Wagenburg schwarzer Kanal« eindeutig rassistische Forderungen. Bevor wir darauf zu sprechen kommen, was ist überhaupt der »schwarze Kanal«?

SK

»An zwei Punkten hat der Liegenschaftsfonds in den neuen Vertrag geschrieben, dass die Unterbringung von Geflüchteten einen sofortigen Kündigungsgrund darstellt.« – Stef Sturmbaum, »Wagenburg Schwarzer Kanal e.V.«

Das ist ein Wagenplatz, ein Wohn- und Kulturprojekt, das seit 25 Jahren an verschiedenen Plätzen in Berlin besteht. Von unserem ursprünglichen Ort in Mitte wurden wir verdrängt – dort steht jetzt das Gebäude von ver.di – konnten aber in der Nähe bleiben. Dieses Gelände gehörte Hochtief, und vor etwa fünf Jahren mussten wir auch das verlassen. Deshalb haben wir den besagten Liegenschaftsfonds angefragt. Dieser reagierte zuerst jahrelang gar nicht, dann wurde uns gesagt, es gäbe nichts. Erst als wir eine leerstehende Schule besetzt und viel Protest organisiert hatten, wurden uns überhaupt Informationen über mögliche Grundstücke gegeben. Von dem Grundstück, das uns letztlich angeboten wurde, waren wir zuerst nicht besonders begeistert – auch wegen unserer Kulturprojekte –, da es ziemlich weit draußen ist.

Wie liefen die Verhandlungen mit dem Liegenschaftsfonds bisher ab?

Ganz okay war es in den ersten drei Jahren, in denen wir einen ganz normalen gültigen Vertrag mit dem Liegenschaftsfonds hatten. Darin stand, dass wir keine Miete im eigentlichen Sinne zu zahlen haben, sondern die Betriebskosten. Uns wurde damals nicht mitgeteilt, dass sich irgendwann etwas ändern sollte. Die Nebenkosten sind allerdings höher, als man das in einer »normalen« Wohnung kennt. Zu den üblichen Gebühren kommen bei uns vor allem sehr hohe Kosten für die Abwasserentsorgung, da wir nicht an die Kanalisation angeschlossen sind. Vor allem während der Veranstaltungssaison müssen wir das Abwasser mitunter jede Woche abholen lassen. Deshalb zahlen wir, zumindest für Bewohnerinnen und Bewohner eines Wagenplatzes, einen relativ hohen monatlichen Betrag.

Trotzdem ist es uns wichtig, dass bei den Kultur- und Politikprojekten keine Kosten entstehen, weder für die Besucher noch für die Veranstalter, damit niemand ausgeschlossen wird. Deshalb wehren wir uns dagegen, dass zusätzlich auch noch Miete für das Grundstück berechnet werden soll.

Neben der Mietzahlung versucht der Liegenschaftsfonds aber vor allem, Sie in einen Vertrag zu drängen, der sehr merkwürdige Klauseln enthält …

An zwei Punkten hat er in den Vertrag geschrieben, dass die Unterbringung von Geflüchteten einen sofortigen Kündigungsgrund darstellt. Einmal steht in der Präambel, dass der Vertrag unverzüglich zu beenden sei, »wenn der Verein ›Wagenburg Schwarzer Kanal e.V.‹ auf der Mietfläche Flüchtlingen Obdach gewährt« und weiter hinten wird der Punkt noch einmal aufgegriffen. Es scheint ihnen also sehr wichtig zu sein. In den mündlichen Verhandlungen, wurde das Thema an der einen oder anderen Stelle durchaus angesprochen. Hier haben wir sofort Stellung bezogen, nicht nur im Gespräch, sondern auch schriftlich. Wir haben klar gestellt, dass wir uns auf keinen Fall darauf einlassen werden zu definieren, wer geflüchtet ist und wer nicht. Diese Unterscheidung von Menschen machen wir nicht mit. Deshalb ist die merkwürdige Auffassung von Unterstützung, die ja in dem Wort »Obdach gewähren« drin steckt, für uns nicht tragbar. Wir leben hier einfach zusammen.

… weiterlesen auf jungewelt.de

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